Geschichte

Geschichte

DIE RENAISSANCEKIRCHE IN KLĘPSK
DENKMAL DER GESCHICHTE UND PERLE DER HOLZARCHITEKTUR
 
Klępsk (eh. Klemzig) ist nur ein kleines Dorf in der Gemeinde Sulechów, in der Region Lubuskie, im West Polens, aber hier findet man eine  Jahrhunderte alte Holzkirche, die kunsthistorisches Denkmal und eine Perle unter den wichtigsten Baudenkmälern Polens ist. Dieser einmalige und wertvolle Schatz der sakralen Architektur, auf den die Angehörigen der Pfarrgemeinde zu Recht stolz sind, ist eine ausgezeichnete Visitenkarte des Dorfes und der Wojewodschaft Lubuskie (Lebus), zwischen Zielona Góra und Poznań (eh. Posen). Schon der dominierende Holzturm ist in seiner Form architektonisch einzigartig, aber erst im Inneren zeigt diese Kirche mit ihrer wertvollen Ausstattung ihre ganz besondere Schönheit und kunsthistorische Bedeutung.
 
Die nunmehr katholische Kirche der Begnadeten Heiligen Maria (Mariä Heimsuchung) ist ein kunsthistorisches Juwel. Mit ihrer, für die Zeit der Renaissance authentischen Ausstattung und mit den einzigartigen künstlerischen wertvollen Werken ist sie repräsentativ für die protestantischen Architektur. Hinsichtlich der Malerei und Stuckaturen wird man keine vergleichbaren Objekte finden, wobei die volkskünstlerische Ausstattung aus der Zeit der späten Renaissance den höchsten Wert dieses Bauwerkes darstellt.
 
Das frühslawische Straßendorf Klępsk, das auf dem mittelalterlichen Weg von der Lausitz nach Großpolen (Wielkopolska) gelegen war, entstand wahrscheinlich im 13. Jh. und bereits im 14. Jh. Jahrhundert war es Sitz einer Pfarrgemeinde. Zuerst wurde eine bescheidene rechteckige Holzkirche gebaut, die für die Dorfarchitektur der ersten Piasten (polnische Dynastie) typisch war. Von Anfang an war die Kirche eng mit der Geschichte der Schlesischen Fürsten und der polnischen mittelalterlichen Volkskunst verbunden. Ihre Form erinnert deswegen an schlesische Gotteshäuser.
Dies bedeutende sakrale Kunstdenkmal wurde als Ein-Schiff-Kirche mit einem rechteckigen Presbyterium konzipiert. Eine gemauerte Sakristei entstand 1588 und der quadratische Turm im Jahre 1657. Die längeren Wände, die Nord und Südwand, sind Fachwerkkonstruktionen, ausgefüllt mit Ziegeln. Für die älteren und kürzeren Ost- und Westwände wurde eine Holzbautechnik verwendet, die man überwiegend bei Blockhäusern findet. Die Holzkirche hat ein Schindeldach mit zwei Firstlinien. Der untere First liegt über dem Presbyterium, der obere über dem Kirchenschiff. Der Haupteingang ist an der Südseite. Weitere Eingänge führen direkt auf die Emporen. Fenster gibt es nur an der Südseite.
 
Fast drei hundert Jahre lang, bis zur Reformation, war die Kirche Sitz der katholischen Pfarrgemeinde. Im Jahre 1576 wurde sie von Protestanten übernommen und sofort begann eine langjährige Modernisierung, um die lutherischen Grundsätze auch architektonisch umzusetzen. Diese Umbauarbeiten dauerten fast sieben Jahrzehnte (1576 - 1644), ein einzigartiges Werk der Volkskunst entstand.
 
Wie sich später zeigte, war der Protestantismus in dieser Region am mittleren Oder-Lauf keine Randerscheinung, sondern beeinflusste viele Jahrhunderte lang das religiöse Leben der hier lebenden Menschen. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung war der lutherischen Kirche beigetreten und so entwickelte sich der Protestantismus in ländlichen Gegenden besonders gut, was dazu führte, dass es während der „deutscher Zeit“ keine Rückkehr zum katholischen Glauben mehr gab.
 
Die Umbauarbeiten der Protestanten begannen mit den Außenwänden. Die damaligen Blockbauwände wurden durch eine Fachwerkkonstruktion ersetzt. In die Südwand wurden Fenster eingebaut und im Inneren wurden hier die, für die evangelische Kirche unentbehrlichen Emporen errichtet. Der Innenraum wurde besonders wertvoll ausgestattet. Fast alle Wände wurden mit biblischen Bildern bemalt und diese Kunstwerke sind noch immer der kostbarste Schatz der Kirche ist.
 
Eine derartige bauliche und künstlerische Aufwertung des Gotteshauses war nur dank freigiebiger Spender möglich. Dazu gehörten die reichen Dorffamilien Kalkreut und Unrug. Die beiden ersten Pastoren der evangelischen Gemeinde initiierten diese enormen Veränderungen: Baltazar Nevius, der die Arbeiten begonnen hat, und sein Nachfolger, der in Świebodzin geborene Stefan Holstein, der insbesondere das Innere der Kirche zum vollen Glanz brachte. Diese Bauherren wurden schon zu Lebzeiten zur Legende, denn sie vermachten der Gemeinde ein unsterbliches Werk.
 
Neben den Gemälden erhielt das Innere der Kirche im Rahmen des Umbaus durch die Protestanten auch nach und nach die Einrichtung, die für den evangelischen Glauben unentbehrlich war. Im Jahre 1581 wurde ein manieristischer Taufstein mit Reliefs biblischer Motive aufgestellt. 1610 wurde der gotische Altar renoviert, wobei das bis heute vorhandene katholische Triptychon erhalten blieb. Dies älteste Kunstdenkmal der Kirche schuf ein niederschlesischer Meister. Der Altar zeigt die Gottesmutter mit dem Jesuskind und ist wichtiger Bestandteil des einzigartigen Inneren. Im Jahre 1614 konnte aufgrund einer Stiftung eine Kanzel errichtet werden. Hier findet sich auch ein Bildnis des Reformators Martin Luther – deutlicher kann man den Einfluss der Protestanten auf dies Kirchengebäude wohl nicht zeigen.
 
Auch wenn die fast siebzig Jahre dauernde Modernisierung von Lutheranern vorangetrieben wurde, in diesem Gotteshaus findet sich noch immer eine friedliche Koexistenz der Elemente des katholischen und protestantischen Glaubens in einer Kirche und zeigt damit eindringlich auf das gemeinsame, jahrhundertealte Kulturerbe der Polen und Deutschen in dieser Region. Dies Baudenkmal ist getragen von einer gegenseitigen, religiösen Toleranz, die sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart umfasst, und ist damit ein architektonisches Beispiel für ein integriertes Europa.  
 
Das wohl wertvollste Kunstobjekt im Innenraum ist ein vielfarbiger Bilderzyklus mit  117 biblischen Bildern auf diversen Oberflächen. Zu den Gemälden gehören 90 sorgfältig angebrachten Aufschriften. Insgesamt geben Hunderte von Sätzen, Tausende von Wörtern einen Kommentar zu den religiösen Illustrationen, nennen entsprechende Bibelverse und Zitate oder beschreiben biblischen Szenen. Einige dieser Anmerkungen sind weltlich und beziehen sich auf wichtige Ereignisse aus dem Leben der Gemeinde oder auf Personen wie ehemalige Pastoren und Stifter.
 
Diese biblischen Szenen wurden um die Wende des 16. zum 17. Jh. gemalt. Die ersten Bilder datieren schon aus dem Jahre 1586 und gehören damit zu den wertvollsten. Die meisten Gemälde entstanden jedoch im ersten Vierteljahrhundert des 17. Jh. Die formale und farbliche Vielfalt der  kunstgeschichtlich bedeutenden Werke zeigen, dass sie zu unterschiedlicher Zeiten von verschiedenen namenlosen Künstlern geschaffen wurden. Die zugrundliegenden künstlerischen Ideen der Maler entsprechen anderen Kunstwerken schlesischer Herkunft aus der Renaissance. Typisch für diese Epoche ist auch die außerordentlich genaue Darstellung der Personen und Ereignisse, wobei die einzelnen Darstellungen dezent und hell sind. Wenige farbige Akzente lassen die Szenen dynamischer wirken, ziehen den Blick des Betrachters auf sich und suchen mit gestalterischer Anmut eine ganz eigene religiöse Konversation.
 
Wer die, von außen schlicht aussehende Kirche betritt, wird von der Vielzahl und dem Reichtum der  Renaissancebilder im Inneren überrascht sein und sich der Schönheit dieser Jahrhunderte alten Kunstwerke kaum entziehen können. Insgesamt ist diese Bilderflut ein großartiges „Bild-Evangelium“ mit  biblischen Bildern des Alten und Neuen Testaments, das über Jahrhunderte die Aufmerksamkeit der Gläubigen, die nicht selbst die Bibel lesen konnten, auf Gott lenken sollte.
 
Die Gemälde zeigen die Stilzüge der Renaissance und des Manierismus auf, was u.a. an der Unproportioniertheit der menschlichen Körper erkennbar ist. Bemerkenswert ist, dass auf manchen Bildern auch einige Dorfbewohner, die sich große Verdienste erworben hatten, porträtiert wurden.
Die Bilderverteilung ist nicht zufällig erfolgt. Sie ähnelt einer Anthologie von Bibelsprüchen und Illustrationen. Neun deutsche Bibelausgaben aus dem 16. Jh. sind notwendig, um eine volle Interpretation der Bilder zu ermöglichen.
 
Die Renaissancekirche in Klępsk ist ein wertvolles Kunstdenkmal und so ist es umso erstaunlicher, dass dies historisch bedeutsame Bauwerk der protestantischen Religion fast vergessen wurde.  Diese Perle der Architektur liegt versteckt in einer ruhigen Provinz und wirkt von außen nicht unbedingt beeindruckend, aber umso mehr erstaunt das einzigartige Innere mit seinen künstlerisch und historisch wertvollen Kunstwerken. Es wird sich schwerlich weder in Polen noch im restlichen Europa ein vergleichbarer Kirchenbau des protestantischen Glaubens finden lassen. Das ist nur einer von vielen Gründen diesen besonderen Schatz der Holzarchitektur zu besuchen.
 
So ist es besonders wichtig, sich der kunsthistorischen und geschichtlichen Bedeutung dieses Sakralbaues bewusst zu sein und ihm in der Region Lubuskie, in Polen und im Ausland das verdiente Interesse zu verschaffen.
 
Eine große Auszeichnung der Kirche fand am 15. März 2017 statt. Der Präsident der Republik Polen, Andrzej Duda, verlieh ihr den ehrenvollen und angesehenen Titel "Denkmal der Geschichte". Damit gehört sie zu den 100 wertvollsten Objekten in Polen.
 
Text/Konzept:
Leon Okowiński (Urspr.) / Jaroslaw Wnorowski (2019)
 
Korrektur:
Maria Janitschke (Emlichheim, DE)
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